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Hansekultur-Festival

In den LN wurde in einem Schnelltest über das Hansekultur-Festival berichtet und es machte mich neugierig. Ich fuhr mit einem befreundeten Rollifahrer zum Festival (beide mit einem elektrischen Rollstuhl (kein Scooter!).

Ich hätte es besser wissen müssen.

Unter der Überschrift „Entspannen und Schlendern“
Zitat der Zeitung: „Lübeck lädt ein, die Seele baumeln zu lassen. „Gemütlich“, „entspannt“, „freundlich“, „bezaubernd“: Es sind durchweg freundliche Worte, mit denen die Festival-Besucher ihre Eindrücke kommentieren.“

Leider hat der Reporter mich nicht gefragt, ich hätte garantiert eine andere Antwort gegeben.

Weiter im Bericht:

Zitat: „Vor allem im oberen Bereich der Beckergrube hätte man sich mehr Getümmel gewünscht.“

Falsch – für uns Rollifahrer war es angenehm dort zu fahren. Im Getümmel hätte uns wieder so mancher Rucksack im Gesicht getroffen.

Weiter stand im Artikel unter der Überschrift „Kinder & Spaß“

Zitat: „Die Kinder werden ernst genommen als vollwertige Festival-Besucher.“

Glückwunsch Kinder! Wie habt ihr das hinbekommen? Wir Rollifahrer werden nicht als vollwertiger Festivalbesucher ernst genommen. Ganz im Gegenteil. Uns gibt es irgendwie gar nicht.

Fangen wir mal mit dem wichtigsten und auch schlimmsten Mängel an. Toiletten für Rollifahrer.

Für das Festival werden sogar noch zusätzliche Toilettenwagen aufgestellt.  Und wo soll ich mit meinem Rolli aufs Klo? Warum sind für uns Rollifahrer keine Toiletten aufgestellt worden?

Lieber Veranstalter! Einmal bei Google in der Suchmaschine „behindertengerechte WC Kabine“ eingeben. Ja, es gibt sie, die Dixiklos für Rollifahrer. Oder sogar noch besser es gibt auch Toilettenwagen für Rollifahrer. Da die Toilettenwagen bewacht wurden, wäre es wohl kein Problem gewesen, so ein behindertengerechtes Dixiklo daneben zu stellen, oder?

Nö, wir behinderte Menschen brauchen ja keine Klos.

Da fällt mir noch ein, dass man das einzige behindertengerechte WC, welches am Markt war, entfernt hat, ohne für einen Ersatz zu sorgen.  Aber ich schweife vom Thema ab …..
Weiter geht´s zum Zeitungsartikel

Überschrift „Essen & Trinken“
Super für Rollifahrer! Teilweise überhaupt kein rankommen an die Stände, da ein Podest vor dem Stand den Zugang unmöglich macht bzw. Stände auf dem Bürgersteig standen und der Kantstein dann das Problem war.

Dann z.B. (von dem Kopfsteinpflaster mal ganz abgesehen) ein für Rollifahrer gigantisch hoher Tresen, der es unmöglich macht, sich dort ein Getränk zu holen. Von der Enge der Zuwegung (Tische und Bänke sehr eng aufgestellt) mal ganz abgesehen. Unser erster und einzige Gedanke war – nur schnell wieder weg.

Am Samstag wollten wir zu einem öffentlichen Konzert von Kammerpop im Hellgrünen Gang.

Zugang von der Untertrave – Fehlanzeige, eine Stufe runter.
Zugang von der Engelswisch – Fehlanzeige, viel zu eng und Stufen
Zugang von der Alsheide – Fehlanzeige da Stände auf dem Bürgersteig waren mussten wir von der Straße aus in den Gang und wieder einmal mehr machte es uns der Kantstein unmöglich.

Enttäuscht wollten wir wieder nach Hause. Doch dann hatten die dortigen Standbetreiber eine tolle Idee. Es wurde kurzerhand eine Tischplatte zweckentfremdet und uns als Rampe an den Kantstein gelegt. Wir haben ein wunderschönes Konzert erleben dürfen. Nach dem Konzert dann das gleiche Prozedere. Tischplatte zweckentfremdet als Rampe angelegt, und wir konnten somit den Gang wieder verlassen. Vielen Dank ihr lieben Leute. Das war toll.

Jetzt möchte ich nur noch kurz zu dem Konzert etwas schreiben. Nein, zu den Leuten, die dieses wunderbare Konzert besucht haben. Ignoranz steht bei einigen Leuten immer wieder an erster Stelle. Ohne Rücksicht auf Rollstuhlfahrer stellen sie sich vor einem hin, teilweise mit Rucksack auf dem Rücken. Was für mich bedeutet, eine falsche Bewegung und ich bekomme den Rucksack ins Gesicht. Und so habe ich den ersten Teil des Konzerts nur akustisch mit diesem tollen Anblick wahrnehmen können.

2016_05_21_hansekultur_festival

Während der Pause haben wir dann mit Hilfe von ganz lieben Menschen den Weg in die erste Reihe geschafft und konnten wenigsten den zweiten Teil des Konzertes auch optisch genießen.

Mein Brief an die Zeitung endete mit folgendem Satz:

Lieber Zeitungsredakteur, ich hätte Ihnen gerne meinen zweiten Rolli geliehen, hätte Sie an die Hand genommen und Ihnen das Festival aus Sicht eines Rollifahrers gezeigt. Dann wäre vielleicht auch der ein oder andere Punkt in Ihrem Artikel aufgegriffen worden.

Mit lieben Gruss von einer nicht als vollwertige Festivalbesucherin ernstgenommen Rollifahrerin.